Trauer nach einem Verlust durch eine Krebserkrankung

Auch Angehörige leiden wenn ein geliebter Mensch an Krebs erkrankt

Krebs gehört weltweit und in Deutschland zu den häufigsten Erkrankungen und Todesursachen. Die Diagnose Krebs ist eine Diagnose, die oft Angst, Wut, Hilflosigkeit und Verzweiflung auslöst. Die Krebserkrankung eines geliebten Menschen ist nicht nur für die Erkrankte Person sondern auch für Nahestehende ein tiefer Eingriff in das bisherige Leben. Auch wenn immer bessere Behandlungen entwickelt werden, sterben jährlich über 200.000 Menschen an Krebs. Tritt eine Heilung nicht ein, verspüren Betroffene in der Zeit des Abschiednehmens meist ein Wechselspiel zwischen Hoffnung und Verzweiflung, aber auch Schuld über den unausweichlichen Tod. Sie können oft nicht glauben, dass der geliebte Mensch wirklich sterben wird.

Viele Krebserkrankungen haben einen langen Krankheitsverlauf, in dem der/die Erkrankte ebenso wie Nahestehende mit vielen Rückschlägen und Komplikationen zu kämpfen haben. Häufig begleiten nahestehende Personen den/die Erkrankte/n über lange Zeit hinweg bei Arztbesuchen, belastenden Behandlungen, aber auch im Alltag, der zunehmend schwieriger wird. Das Leiden eines geliebten Menschen so zu erleben, ist für viele eine große Belastung. Gleichzeitig kann immer wieder Hoffnung auf eine Heilung aufkommen. Dieses Wechselbad der Gefühle ist häufig sehr auslaugend und führt dazu, dass der Tod des geliebten Menschen viele Betroffene trotz allem unerwartet trifft. Viele erleben eine Art Schockzustand. Durch den Verlust einer nahestehenden Person werden tiefe Gefühle ausgelöst; Angst, Einsamkeit, Verzweiflung, Wut kommen auf – der Prozess der Trauer beginnt.

Die einen können einen solchen Verlust allein bewältigen, ihn akzeptieren und den Blick in die Zukunft richten; andere jedoch brauchen Unterstützung. Dies ist besonders der Fall, wenn belastende Gefühle, wie Trauer, Verzweiflung, aber auch Wut oder Schuld, für eine lange Zeit nach dem Verlust bestehen bleiben und als sehr intensiv erlebt werden. Auch quälende Erinnerungen an die Zeit mit der Erkrankung oder an den Verlust selbst drängen sich manchen immer wieder auf und machen es scheinbar unmöglich, eine positive Perspektive auf das Leben ohne die verstorbene Person zu gewinnen. In solchen Fällen kann eine therapeutische Unterstützung bei der Trauerbewältigung weiterhelfen.

Trauer ist eine normale und gesunde Reaktion auf einen einschneidenden Verlust

Der Tod einer nahestehenden Person ist eines der belastendsten Ereignisse im Leben eines Menschen. Fast jeder hat einen solchen Verlust einmal erlebt und einen Großvater, eine Großmutter, einen Elternteil, ein Kind, einen Freund oder eine andere Bezugsperson verloren. Nach dem Tod einer geliebten Person wirkt Vieles oft seltsam und unvertraut. Was vorher normal war, existiert nicht mehr ohne das geliebte Gegenüber. Der Verlust hinterlässt eine schmerzhafte Lücke. Eine existenzielle Veränderung ist eingetreten, an die es sich anzupassen gilt.

Dieser Anpassungsprozess nennt sich Trauer. Er ist ein natürlicher, intuitiver Prozess, bei dem man lernt, mit dem Verlust einer wichtigen Person umzugehen und sich an eine Welt anzupassen, die tiefgreifend und unwiderruflich verändert ist. Das Trauererleben ist durch einen intensiven Trennungsschmerz, Sehnsucht, Traurigkeit, schmerzvolle aber auch positive Erinnerungen an den verstorbenen Menschen geprägt. Betroffene empfinden ihr Leben oftmals als geteilt in ein „Davor“ und ein „Danach“. Im Trauerprozess geht das Wissen, dass eine geliebte Person verstorben ist, in die Akzeptanz dieses Verlustes über. Dabei erfolgen eine Verarbeitung des Verlustes und eine Loslösung von der verstorbenen Person. Zur Überwindung der schmerzhaften Trauer müssen die belastenden Gedanken und Gefühle bewusst erlebt werden: Man muss sich ihnen stellen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Gleichzeitig geschieht eine Bewältigung der veränderten Lebensumstände. Dabei gibt es kein "richtiges Trauern" und "falsches Trauern": die Verarbeitung ist ein sehr individueller Prozess.

 Das Modell der Trauerbewältigung

Abbildung: Duales Prozessmodell der Trauerbewältigung von Stroebe und Schut

Langanhaltende Trauer: Wenn die Sehnsucht zu belastend wird

Den meisten Hinterbliebenen gelingt die Anpassung an die neue Lebensrealität nach einiger Zeit – ihr Blick richtet sich zunehmend in die Zukunft und die Trauerintensität nimmt ab.

Manchmal jedoch wird Trauer so intensiv, so allumfassend, dass andere Lebensinhalte verdrängt werden. Das eigene Leben erscheint nicht mehr wichtig und wird vernachlässigt. Trauer und Schmerz lassen nicht nach, der Eindruck entsteht, nie wieder glücklich werden zu können. Der Tod des geliebten Menschen kann nicht akzeptiert werden. Man steckt förmlich in der Trauer fest, wie in Treibsand, und kommt alleine nicht mehr aus ihr heraus. Diesen Zustand nennt man langanhaltende oder prolongierte Trauer oder auch Anhaltende Trauerstörung (ATS). Auch der Begriff komplizierte Trauer wird oft verwendet. Von den Menschen, die eine nahestehende Person verloren haben, entwickeln etwa 7 bis 10% eine anhaltende Trauerstörung. Besonders Menschen, die einen Verlust durch eine Krebserkrankung erlebten, sind betroffen.

Während der ersten Monate nach dem Verlust einer nahestehenden Person ähneln sich "normale" Trauer und langanhaltende Trauer in vielen Punkten. Doch im Gegensatz zur normalen Trauer verlieren die schmerzhaften Gefühle, wie Traurigkeit, Bitterkeit, Einsamkeit und tiefe Sehnsucht nach dem Verstorbenen, nicht an Intensität. Hinzu kommen ein Nicht-Akzeptieren-Können des Verlustes und andauernde Sorgen (s. Tab. 1). Auch Gedankenkreisen nach einem so einschneidenden Ereignis, wie dem Tod eines nahestehenden Menschen, ist ein häufig auftretendes Phänomen: Welche Chance hat man verpasst? Was blieb ungesagt? Was wäre gewesen, wenn man nur schneller zum Arzt gegangen wäre? Wenn ich nur… Doch kreist man fortwährend und wiederholt um Gedanken, die sich mit den Umständen und Konsequenzen des Todes der geliebten Person beschäftigen, kann es passieren, dass der Trauerprozess stagniert und eine Verarbeitung des Schmerzes nicht eintritt. Man bleibt in der akuten Trauer gefangen. Eine weitere Komplikation im Trauerprozess ist das Vermeiden von Orten, Dingen, Situationen und Gefühlen, die an die verstorbene Person oder den Verlust erinnern. Solche Erinnerungen sind schmerzhaft, aber sehr wichtig, denn die Auseinandersetzung mit ihnen löst den Schmerz nach und nach. Die Unterdrückung von Gedanken, Gefühlen und Handlungen, die mit der verlorenen Person in Verbindung stehen, lässt diese nicht verschwinden, im Gegenteil. Ähnlich wie Blindgänger lauern sie unter der Oberfläche und können bei jeder Gelegenheit zutage treten – so haben die unterdrückten Emotionen einen enormen Einfluss auf das tägliche Leben.

Tab. 1 Diagnostische Kriterien der langanhaltenden Trauer nach Prigerson et al. (2009)

Kriterium A Ereignis: Verlust einer nahestehenden Person
Kriterium B Trennungsstress: Die trauernde Person erlebt täglich oder übermäßig Sehnsucht (z.B. Verlangen nach der verstorbenen Person, physisches oder emotionales Leiden aufgrund des unerfüllten Wunsches, wieder mit der verstorbenen Person vereint zu sein)
Kriterium C Kognitive, emotionale und behaviorale Symptome: Die trauernde Person erlebt mindestens fünf der folgenden Symptome täglich oder übermäßig:
  1. Verwirrung über die eigene Rolle im Leben bzw. vermindertes Sinnerleben (das Gefühl, ein Teil von einem selbst sei gestorben)
  2. Schwierigkeiten den Tod zu akzeptieren
  3. Vermeidung von verlustbezogenen Erinnerungen
  4. Unfähigkeit anderen seit dem Verlust zu vertrauen
  5. Bitterkeit oder Wut im Zusammenhang mit dem Verlust
  6. Schwierigkeiten das eigene Leben fortzuführen (z.B. neue Beziehungen eingehen, eigene Interessen verfolgen)
  7. Emotionale Taubheit seit dem Verlust
  8. Das Gefühl, das eigene Leben sei seit dem Verlust unerfüllt, leer oder bedeutungslos
  9. Fassungslosigkeit, Benommenheit oder Schock
 
Kriterium D Zeit: Der Verlust muss mindestens 6 Monate zurückliegen.
Kriterium E Funktionale Beeinträchtigung: Die Störung verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Beeinträchtigung im sozialen Bereich, im Beruf oder anderen wichtigen Bereichen.
Kriterium F Differenzialdiagnostik: Die Störung kann nicht besser durch eine Depression, Generalisierte Angststörung oder Posttraumatische Belastungsstörung erklärt werden.

Ob jemand eine langanhaltende Trauerreaktion entwickelt, hängt u.a. von der Beziehung zur verstorbenen Person und den Todesumständen ab. Beim Verlust eines Kindes oder Partners bzw. durch einen plötzlichen oder gewaltsamen Tod besteht ein erhöhtes Risiko für eine langanhaltende Trauer. Den Betroffenen gelingt es kaum, den Alltag zu bewältigen und sich neuen Lebensaufgaben und Beziehungen zuzuwenden, und oft wünschen Sie sich Trauerhilfe. Eine Therapie kann dabei unterstützen, diese Probleme zu überwinden.